Ballet Mécanique #23 UdSSR-Spezial: Mädchen mit d. Hutschachtel @ Luru Kino in der Spinnerei, Leipzig [16. Mai]

Ballet Mécanique #23 UdSSR-Spezial: Mädchen mit d. Hutschachtel


62
16.
Mai
20:00 - 22:00

 Facebook-Veranstaltungen
Luru Kino in der Spinnerei
Spinnereistr. 7, 04179 Leipzig, Germany
In Zeiten vorrangig digitaler Vorführpraxis wollen wir euch im LURU-Kino in der Spinnerei mit unserer Stummfilm-Reihe BALLET MÉCANIQUE auch 2018 wieder ein analoges Kontrastprogramm bieten: Ausschließlich mit historischen Filmkopien auf 35mm-Material, die wir dieses Mal alleinig aus dem Berliner Archiv des Arsenals leihen, soll euch die Stummfilmepoche in einer ästhetisch wie technisch adäquaten Kinosituation und unter spezifischen Vorführbedingungen nähergebracht werden. Wie bereits in den ersten vier Teilen der Reihe (die sich von März 2016 bis Dezember 2017 erstreckten) werden von Januar bis Mai einmal monatlich mittwochs die analogen Projektoren für euch anlaufen – eine Erfahrung, die man außerhalb eines Fi...lmmuseums mittlerweile kaum noch machen kann. Es ist uns wichtig, neben einer spannenden Auswahl an filmhistorisch relevanten (und mitunter schwer verfügbaren) Werken auch die Materialität und ästhetische Eigenheit dieses aus dem Kino-Alltag verschwundenen Mediums zu würdigen. Zudem setzen wir unseren bewährten, auf die Visualität des Films fokussierten Ansatz fort: Die Filme werden stumm, das heißt ohne musikalische Begleitung, zu sehen sein. Diese intensive, in Leipzig sonst nicht praktizierte Form der Vorführung entspricht zwar im Grunde nicht der historischen Vorgehensweise (ist somit eine Art Interpretation unsererseits) hat aber ihre ganz eigenen Vorzüge: Die rein bildliche Ebene des Films – das „ballet mécanique“ – kann hierdurch besonders prägnant erfahren werden.

Haben wir in der letzten vierteiligen Ausgabe (September bis Dezember 2017) anlässlich des einhundertjährigen Jubiläums der Oktoberrevolution sowjetische Produktionen in den Blick gekommen, die dieses einschneidende Ereignis in Szene setzten, so wird auch dieses Mal, auf die Reihe Bezug nehmend, der sowjetische Stummfilm im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig soll anhand einer Auswahl an heutzutage selten gezeigten bis hin zu völlig vergessenen Filmen ein ebenso repräsentatives Bild der sowjetischen Filmindustrie der 1920er-Jahre und ihrer politischen Umstände abgegeben, als auch das Blickfeld erweitert werden. Dabei spielt nun der Gegenstand der Revolution nicht mehr in einem direkten Sinne eine Rolle – ist aber stets gewissermaßen als Fixpunkt gegenwärtig. Der abgesteckte Zeitraum der zweiten Hälfe der 1920er- bis beginnenden 1930er-Jahre zeichnet sich neben einer Vielfalt theoretischer, narrativer und formaler Ansätze nämlich auch durch einen Motiv- und Themenreichtum aus, der in der heute gängigen Rezeption mitunter durch die Strahlkraft der großen Revolutionsfilme unterzugehen droht. Dabei ist es in einer neben filmästhetischen Belangen auch kulturgeschichtlich ausgerichteten Reihe von Interesse, wie Themen und Probleme, die vielleicht erst einmal abseits der großen, offiziösen Erzählungen stehen, hier – im besten Fall widerspruchsvoll – verhandelt und in ästhetische Formen gebracht werden.

Wie wurde dem Publikum eine neue sowjetische Alltagswirklichkeit vorgeführt? Wie sah das Leben in der Großstadt mit seiner Wohnungsknappheit und Versorgungsnot, wie das Stadtbild und dessen Umgestaltung in z.B. der georgischen Peripherie aus? Werden hier gesellschaftliche Widersprüche und antagonistische Vertreter präsentiert oder wurde bereits ein idealer, neuer Stand gesellschaftlicher Harmonie propagiert? Blicken die Filme ins Historische, wie wurden dann die gesellschaftlichen Zustände des Zarenreichs – abseits großer Revolutionsereignisse – als zu überwindend geschildert? Wie versuchte sich die neu formierte, sich als vorwärtsdrängend verstehende Filmavantgarde filmpolitisch wie filmästhetisch von der bisherigen bürgerlichen Tradition zu lösen und welche originellen Verfahren resultierten hieraus? All diesen Fragen wollen wir in der neuen Reihe innerhalb des übergeordneten Themas DAS ALTE UND DAS NEUE nachgehen.

DEWUSCHKA S KOROBKOJ / DAS MÄDCHEN MIT DER HUTSCHACHTEL
(Boris Barnet, UdSSR 1927)

Boris Barnets meisten Stummfilmen ist ein Element eigen, das sich in der sowjetischen Filmavantgarde der 1920er-Jahre ansonsten doch auffällig selten finden lässt: Humor. Dies trifft auf seine quirlig-exzentrische Stadt-Land-Satire „Das Haus in der Trubnaja-Straße“ (UdSSR 1927) zu, die wir bereits 2016 in der BALLET MÉCANIQUE-Reihe sahen, wie für diejenige über das titelgebende Mädchen mit der Hutschachtel. Gesellschaftliche Widersprüche der Umbruchsphase treten hier weniger in Form von eruptiv-mitreißenden Montage-Gegenüberstellungen auf, als vielmehr augenzwinkernd über Alltagsschilderungen vermittelt, in denen selbst die ideologisch zweifelhaften Individuen doch ihr Menschliches nicht entbehren.
Natascha ist Angestellte eines sich weiterhin hemmungslos bürgerlich gebenden Hutmacher-Ehepaars, d. h. Spielball sogenannter NEP-Leute, die in den 1920er-Jahren ausgiebig aus avantgardistischen Kreisen als Nutznießer der teilweisen Wirtschafts-Reprivatisierung nach dem Kriegskommunismus der Bürgerkriegszeit, der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NEP), kritisiert worden. Das ihr in der Wohnung der NEP-Leute zustehende Zimmer (eine Form der Lebensgemeinschaft, wie sie zu dieser Zeit von offizieller Seite in Anbetracht der Wohnungsnot durchgesetzt wurde) bezieht sie nicht; stattdessen muss sie jeden Tag den Weg vom Land in die Stadt antreten. Grund hierfür ist ihr Herr, der es sich hier zusätzlich gemütlich macht – ganz im Sinne früheren (groß-)bürgerlichen Lebensstils. Doch als sie nun darauf verfällt, einem wohnungssuchenden Genossen zu helfen, indem kurzum in eine Heirat eingewilligt wird, damit der frisch Vermählte rechtmäßig das Zimmer beziehen kann, bringt dies die bisherige (Haus-)Ordnung gehörig ins Wanken und löst eine turbulente, an die amerikanische Slapstick- und Screwball-Comedy erinnernde Ereigniskette aus.
Würde dies nicht schon reichen, ist noch ein Lotterielos, das den ganz großen Geldsegen verspricht, im Umlauf und erhitzt die Gemüter zusätzlich. Dass der Film tatsächlich ursprünglich als Werbefilm einer Lotterie-Gesellschaft in Auftrag gegeben wurde, ist im Endprodukt aber mehr eine witzige Randnotiz als ein bestimmendes Element.

Es wird eine ca. fünfzehnminütige Einführung des Kurators Tilman Schumacher geben.
Diskussion
image
Nur registrierte Benutzer können Kommentare hinterlassen.
Registrieren Sie sich schnell oder autorisieren Sie sich.

Die nächsten Veranstaltungen @ Luru Kino in der Spinnerei:

Open Air und 35mm: Napoleon Dynamite - bester Film aller Zeiten
Luru Kino in der Spinnerei
Open Air und 35mm: The Big Lebowski
Luru Kino in der Spinnerei

Das am meisten erwartete Veranstaltungen in Leipzig :

THINK OPEN AIR 2018
TH!NK? OPENAIR
Leipziger Kebab Festival | 2018
Leipzig 0341
Highfield Festival 2018
Störmthaler See
Weed & Chill Open Air ❤︎ Leipzig
Johannapark
Holi Festival of Colours 2018 | Leipzig
Bruno-Plache-Stadion
The African Market | Streetfood & Nightmarket ☾
Leipzig 0341
Feine Sahne Fischfilet - Alles auf Rausch - Open Air Leipzig
Parkbühne im Clara Zetkin Park
K!DZ - Das Riesenkinderfest
Zoo Leipzig
Trettmann & Freunde OPEN AIR 2018 • Täubchenthal • Leipzig
Täubchenthal
Sternburg Fanfest VIII
Sternburg
Die populärsten Veranstaltungen in Deinem News Feed!